
Berlin-Kairo-Kooperation gegen neues Ebola-Virus
Die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) stellt dem ägyptischen Biopharmaunternehmen Minapharm bis zu 16,5 Mio. US-Dollar zur Verfügung, um einen weiteren Impfstoffkandidaten gegen Bundibugyo bis in die klinische Entwicklung zu bringen. Der Kandidat wurde von der Berliner Minapharm-Tochter ProBioGen auf Basis der proprietären MVA-CR19-Plattform entwickelt. Eine Phase I-Studie soll in Afrika stattfinden und helfen, den Kontinent selbst in die Lage zu versetzen, Infektionsherde frühzeitig bekämpfen zu können.
Die Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo entwickelt sich zum Stresstest für die globale Impfstoffvorsorge. Auslöser ist nicht das Zaire-Ebolavirus, gegen das mit Ervebo bereits ein zugelassener Impfstoff existiert, sondern das deutlich seltenere Bundibugyo-Ebolavirus. Für diese Virusart gibt es bislang weder einen zugelassenen Impfstoff noch eine spezifische Therapie. Gleichzeitig steigt die Zahl der Fälle in der DR Kongo weiter exponentiell.
Nach Angaben der WHO waren Mitte August bereits fast 5.000 Menschen infiziert und mehr als 2.300 gestorben. Inzwischen liegen die Zahlen noch höher; die Epidemie ist über sechs Provinzen und zahlreiche Gesundheitszonen vorgedrungen. Die WHO bezeichnete die Lage Mitte August ausdrücklich als „far from being under control“. Konflikte, Vertreibung, hohe Mobilität und Schwierigkeiten bei der Kontaktverfolgung erschweren die Eindämmung zusätzlich.
Damit bekommt eine Nachricht aus der Impfstoffentwicklung besondere Bedeutung: Die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) stellt dem ägyptischen Biopharmaunternehmen Minapharm bis zu 16,5 Mio. US-Dollar zur Verfügung, um einen weiteren Impfstoffkandidaten gegen Bundibugyo bis in die klinische Entwicklung zu bringen. Der Kandidat wurde von der Berliner Minapharm-Tochter ProBioGen auf Basis der proprietären MVA-CR19-Plattform entwickelt. Eine Phase-I-Studie soll in Afrika stattfinden.
Fünf Impfstoffkandidaten gegen ein seltenes Virus
Der Minapharm-Kandidat ist dabei keineswegs ein Einzelprojekt. Vielmehr entsteht unter dem Druck des aktuellen Ausbruchs innerhalb weniger Monate eine ungewöhnlich breit aufgestellte Impfstoffpipeline. CEPI unterstützt inzwischen fünf Bundibugyo-spezifische Kandidaten. Dahinter stehen unterschiedliche Technologien – ein bewusstes Portfolio, denn angesichts der geringen Datenlage soll nicht auf eine einzige Plattform gesetzt werden.
Besonders weit fortgeschritten ist der Kandidat ChAdOx1 BDBV der University of Oxford und des Serum Institute of India. Der auf einem Adenovirusvektor basierende Impfstoff verwendet dieselbe grundlegende Plattform wie der Oxford/AstraZeneca-Covid-19-Impfstoff. Im Juli startete in Oxford die erste Phase-I-Studie mit 50 gesunden Erwachsenen. Parallel hat das Serum Institute innerhalb von nur zwei Wochen rund 620.000 Dosen für eine mögliche spätere Verwendung produziert.
Ein zweiter prominenter Ansatz stammt von IAVI und der University of Texas Medical Branch (UTMB). Der Kandidat rVSVdeltaG-BDBV-GP basiert auf der rekombinanten Vesikulären-Stomatitis-Virus-Plattform (rVSV), die bereits dem zugelassenen Zaire-Ebola-Impfstoff Ervebo zugrunde liegt. Präklinische Daten deuten auf einen schnellen Schutz nach einer Einzeldosis hin. Die WHO hatte diesen Kandidaten bereits im Mai als besonders aussichtsreich eingestuft.
Daneben befinden sich weitere Plattformen in der Entwicklung, darunter ein mRNA-Impfstoff von Moderna sowie nun der MVA-basierte Ansatz von Minapharm/ProBioGen. Auch diese technologische Diversität ist Teil der Strategie: Während etablierte Vektorplattformen den Vorteil umfangreicher Erfahrungen mitbringen, könnten mRNA oder MVA eine schnelle Anpassung und Herstellung ermöglichen. Eine aktuelle Übersicht in npj Vaccines nennt rVSV, ChAdOx1 und mRNA als priorisierte Ansätze; weitere Programme setzen unter anderem auf Masernvirus- oder MVA-Vektoren.
Ervebo: vorhandener Impfstoff als Notlösung
Paradoxerweise kommt in der aktuellen Epidemie dennoch ein bereits zugelassener Impfstoff zum Einsatz. Die WHO hat 70.000 Dosen des von Merck entwickelten Ervebo für die DR Kongo bereitgestellt; erste Lieferungen sind bereits eingetroffen. Allerdings ist Ervebo gegen das Zaire-Ebolavirus zugelassen und nicht gegen Bundibugyo. Ob und in welchem Umfang es gegen den aktuellen Erreger schützt, ist bislang nicht geklärt.
Deshalb soll die Anwendung wissenschaftlich begleitet werden. Die WHO empfiehlt inzwischen, Ervebo in einer Phase-III-Studie im aktuellen Ausbruch zu untersuchen. Parallel finanziert CEPI vier Studien, die anhand von Blutproben geimpfter Menschen klären sollen, ob bestehende Zaire-Impfstoffe zumindest eine Kreuzreaktion oder einen gewissen Schutz gegen Bundibugyo vermitteln.
Das ist ein wichtiger Unterschied zur klassischen Impfstoffentwicklung: Hier geht es nicht nur darum, möglichst schnell einen neuen Kandidaten zu bauen. Gleichzeitig wird versucht, vorhandene Impfstoffe, Datenbanken, Biobanken und klinische Infrastruktur für eine unmittelbare Antwort nutzbar zu machen.
Von der Pandemie-Vorsorge zum „100-Days“-Prinzip
Der Fall zeigt zugleich, wie sich die Logik der Impfstoffentwicklung für neue Erreger verändert. CEPI verfolgt mit seiner „100 Days Mission“ das Ziel, Impfstoffe gegen neue epidemische Bedrohungen innerhalb von rund 100 Tagen in klinische Entwicklung zu bringen. Bei Bundibugyo reicht die Ausgangslage allerdings nicht aus, um dieses Ziel vollständig einzulösen: Der Erreger war vor 2026 nur aus wenigen Ausbrüchen bekannt, und entsprechend gering ist die klinische Datenbasis.
Die jetzige Reaktion ist deshalb eher ein Portfolio- und Plattformtest. Oxford konnte mit ChAdOx1 relativ schnell in die Klinik gehen, weil Plattform, Produktionspartner und regulatorische Erfahrung vorhanden waren. IAVI kann auf die rVSV-Technologie von Ervebo zurückgreifen. Minapharm/ProBioGen bringt dagegen eine MVA-Plattform und zugleich Produktionskapazitäten in Afrika ein.
Gerade dieser letzte Punkt könnte langfristig wichtiger sein als der einzelne Impfstoffkandidat. Minapharm produziert den Wirkstoff zunächst bei ProBioGen in Deutschland unter GMP-Bedingungen; anschließend soll das Material in Kairo zum fertigen Impfstoff verarbeitet werden. Parallel ist geplant, auch die Herstellung des Wirkstoffs nach Ägypten zu transferieren. Ziel ist damit eine möglichst vollständig lokale Herstellung.
Afrika soll nicht nur Abnehmer, sondern Produzent sein
Damit bekommt gerade dieses Projekt auch eine industriepolitische Dimension. Die Ebola-Krise macht sichtbar, wie abhängig viele afrikanische Länder bei Impfstoffen und anderen medizinischen Gegenmaßnahmen von Produktionsstandorten außerhalb des Kontinents sind. Der Minapharm/ProBioGen-Ansatz verbindet deshalb Impfstoffentwicklung, Technologietransfer und den Aufbau afrikanischer Produktionskapazitäten.
Das entspricht dem Ansatz, den CEPI und Africa CDC zunehmend verfolgen: Epidemievorsorge soll nicht ausschließlich darin bestehen, im Krisenfall fertige Impfstoffe aus Europa, den USA oder Asien zu beschaffen. Stattdessen sollen wissenschaftliche, regulatorische und industrielle Fähigkeiten bereits vor dem nächsten Ausbruch auf dem Kontinent vorhanden sein.
Der aktuelle Ebola-Ausbruch zeigt allerdings auch die Grenzen dieser Strategie. Selbst wenn ein Impfstoffkandidat innerhalb weniger Monate in die Klinik kommt, sind damit weder Wirksamkeit noch Zulassung noch ausreichende Produktionsmengen garantiert. Die entscheidende Lücke liegt zwischen „klinisch bereit“ und „im Ausbruch tatsächlich verfügbar“.
Ein Lehrstück für die Impfstoffpipeline
Für die globale Impfstoffindustrie ist Bundibugyo deshalb ein interessantes Gegenbeispiel zur Covid-19-Erfahrung. Damals konnte auf jahrzehntelang entwickelte Plattformtechnologien, enorme Investitionen und einen riesigen Absatzmarkt zurückgegriffen werden. Bei seltenen Erregern wie Bundibugyo fehlt dagegen der kommerzielle Anreiz, Impfstoffe lange vor einem Ausbruch zu entwickeln und zu bevorraten.
Genau hier setzen Organisationen wie CEPI an: Sie finanzieren Kandidaten und Plattformen, bevor ein klassischer Markt existiert. Dass inzwischen mehrere Technologien parallel verfolgt werden, ist weniger Ausdruck von Ineffizienz als von Risikomanagement. Die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest ein Ansatz schnell genug Sicherheit, Immunogenität, Wirksamkeit und Produktionsfähigkeit nachweisen kann, steigt mit der Zahl unabhängiger Programme.
Pandemieprävention: der Nutzen liegt in der Verhinderung
Der Ebola-Ausbruch im Kongo liefert damit einen ernüchternden, aber wichtigen Beleg für die Logik der Pandemieprävention: Impfstoffvorsorge funktioniert nicht erst dann, wenn die Epidemie beginnt. Der aktuelle Wettlauf kann die bestehende Lücke möglicherweise verkleinern – schließen lässt sie sich aber erst, wenn Impfstoffplattformen, Produktionskapazitäten, klinische Studien und Finanzierung in einer Art Leerlauf-Situation wie an einer Ampel bereitstehen. Es braucht dann nur das Umschalten auf ein Ausrollen angepasst zum aktuellen Erreger und ein Hochfahren der Produktionskapazitäten.
In vielen Projekten der Pandemie-Prepardness wird in einer Art Trockenübung ein solches Verfahren theoretisch durchexerziert. Ob die bisher in diesen Projekten veranschlagten Beträge für einen nachhaltigen Betrieb ausreichen, ist derzeit durchaus fraglich. Dabei muss allen Beteiligten klar sein, dass die Kostenersparnis durch das frühzeitige Verhindern einer pandemieartigen Ausbreitung neuer Infektionskrankheiten, oder auch von bekannten Infektionen über den bisher üblichen regionalen Ausbreitungsgrad, wesentlich höher liegen dürfte als die Kosten für das Vorhalten von Labor- und Produktionskapazitäten.

WHO
Iris Maurer
Biontech SE